MÄRZ 2012: Stromzukunft Schweiz?
Interview mit Michael Frank, Direktor des VSE
FFE: Herr und Frau Schweizer sind sparsam – auch beim Stromkonsum?
Michael Frank: Punkto Stromsparen sind wir in der Schweiz auf einem guten Weg. Gemäss der VSE-Haushaltstudie löschen beispielsweise rund 95% der Befragten nach eigenen Angaben das Licht immer oder meistens, wenn sie einen Raum verlassen. Auch stellen viele ihre Geräte nach Gebrauch ganz aus, das heisst, sie lassen diese nicht im Standby-Modus: Den Fernseher schalten zum Beispiel 55% nach Benützung ganz aus; bei PC/Laptop sind es 64% und bei der Kaffeemaschine sogar gegen 90%. Das sind erfreuliche Zahlen.
FFE: Wo besteht Einsparpotenzial?
Michael Frank: Wir müssen grundlegend zwischen dem Stromsparverhalten der Konsumenten und der Energieeffizienz von Geräten unterscheiden. Gemäss Studie können wir den Konsumenten beim Stromsparverhalten schon ein gutes Zeugnis ausstellen. Wollen wir aber noch mehr Strom sparen, müssen wir konsequent alle Geräte vom Strom trennen, wenn wir sie nicht mehr brauchen. Das Einsparpotenzial wird jedoch kleiner, da es immer mehr Haushalte und immer mehr Geräte pro Haushalt gibt. So ist die Anzahl Zweit- und Drittgeräte bei Fernsehern, PCs und Kühlschränken pro Haushalt gemäss Studie gestiegen. Deshalb geht auch der Stromverbrauch nicht zurück.
FFE: Wie kann die Energie-Effizienz gesteigert werden?
Michael Frank: Beim Kauf neuer Haushaltgeräte ist auf eine hohe Energieeffizienz zu achten. Gerade bei den Geräten fürs Kochen, Kühlen und Gefrieren, die rund 28% des Haushaltstroms verbrauchen, oder bei der Heizung bzw. Lüftung, die 39% des Stroms in den Haushalten benötigt, kann durch den Kauf energieeffizienter Anwendungen zusätzlich gespart werden. Ein Kühlschrank beispielsweise verbrauchte Ende der Achtzigerjahre täglich bis zu 1.4 Kilowattstunden. Heute ist es bei einem neuen Kühlschrank gleicher Grösse weniger als die Hälfte. Auch ist die Effizienz der Beleuchtung wichtig, denn diese verbraucht in der Schweiz heute rund 15 % der elektrischen Energie. Die Glühlampe wird seit 2009 kontinuierlich durch die Halogenlampe ersetzt, deren Lichtausbeute um 25% höher ist und deren Lebensdauer 2000 Stunden beträgt. LED-Lampen haben eine mittlere Lebensdauer von 25 000 Stunden und eine 5x höhere Lichtausbeute als Glühlampen.
FFE: Inwiefern müssen zum Stromsparen Komforteinbussen in Kauf genommen werden?
Michael Frank: Wenn wir alle Geräte konsequent ganz ausschalten und auf energieeffiziente Geräte umsteigen, lässt sich ohne Komforteinbusse Strom sparen. Zudem ist eine zeitliche Flexibilisierung des Stromverbrauchs bei einigen Geräten ohne Komfortverlust machbar. 44% der Haushalte mit einem Zweitarif-System achten zum Beispiel gemäss Studie beim Waschen bereits auf die Niedertarifzeit. Auch kann der Boiler zu Niedertarifzeiten aufgeheizt werden. Verzichten wir hingegen auf das eine oder andere Zweit- oder Drittgerät, geht dies natürlich mit einer Komforteinbusse einher.
FFE: Was unternehmen Sie bezüglich Aufklärung oder „Erziehung“ (z.B. Standby Modus)
Michael Frank: Gerade das Projekt «Vorschau 2012» ist ein wichtiger Eckpfeiler unserer Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit. Ende 2011 haben wir zudem einen kurzen Film gedreht, der die wesentlichen Fragen in der Diskussion um die Schweizer Stromzukunft aufgreift. Darüber hinaus beteiligen wir uns jedes Jahr an öffentlichen Aktionstagen wie dem „energyday“. Unter www.poweron.ch finden Lehrerinnen und Lehrer zudem Unterrichtsmaterialien zum Thema Strom. Weiter trägt die Kampagne „Stromzukunft Schweiz“ Wertvolles zu unserer Öffentlichkeitsarbeit bei.
FFE: Ist die Energiewende in Anbetracht des stetig steigenden Strombedarfs und unter gleichzeitiger Beachtung der Klimaziele überhaupt zu schaffen?
Michael Frank: Die zentrale Frage ist tatsächlich, wie wir Stromversorgung, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit unter einen Hut bringen. Wie können wir in Zukunft – nach dem Wegfall der Kernkraft – und dem Auslaufen der Langfristverträge mit Frankreich die Versorgungssicherheit der Schweiz anderweitig gewährleisten? Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Wir senken unseren Stromverbrauch mittels Effizienzmassnahmen und durch unser individuelles Konsumverhalten. Wir fördern erneuerbare Energien im Rahmen des Machbaren, wofür es einen umfassenden Um- und Ausbau der Stromnetze braucht. Aber dies reicht nicht, um unseren gesamten Strombedarf zu decken. Den fehlenden Strom könnten wahrscheinlich Importe oder Gaskombikraftwerke liefern. Weiter sind mit einem Umbau der Energieversorgung jedoch hohe Investitionen verbunden, was allerdings nach stabilen Rahmenbedingungen verlangt. Diese bringen erst die notwendige Investitionssicherheit.
Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE)
Der VSE ist der Branchendachverband der schweizerischen Elektrizitätsbranche mit Hauptsitz in Aarau. Daneben ist der VSE auch in der Romandie durch seine Niederlassung in Lausanne und durch eine enge Zusammenarbeit mit ESI im Tessin vertreten. Seine Mitglieder garantieren über 90 Prozent der Schweizer Stromversorgung. Eine Mitgliedschaft steht allen Unternehmen offen, die in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein elektrische Energie produzieren, übertragen und verteilen. Der VSE setzt die gemeinsamen Anliegen der Elektrizitätsbranche auf nationaler Ebene um: Er tritt für gute energiepolitische Rahmenbedingungen im Sinn einer wirtschaftlichen, sicheren und umweltverträglichen Stromversorgung ein. Weiter dient er der Elektrizitätsbranche als Informationsdrehscheibe und orientiert die Öffentlichkeit über die Stromwirtschaft.Mehr unter: www.strom.ch www.stromzukunft.ch




